Kapitel 3: catch me if you can

Deutschland: Montag, der 8. August 2016

eine kleine Handvoll Menschen hat es sich nicht nehmen lassen mich am Abend meines Abfluges zu verabschieden. Ich sitze in der Küche meiner Schwester und bekam ein kleines Buch mit Fotos und handschriftlichen Notizen überreicht – kurze Stille. Bier aufmachen. Zigarette anzünden. Rührung verbergen. Danke.

Der Moment, als meine Schwester mich in den Arm nimmt mit den Worten „wir sehen uns morgen in Kolumbien“ ist eigentlich bereits der Beginn meiner Reise. Im Anschluss fährt mich mein Bruder nach Hause.
Der letzte Tag war noch einmal richtig schön stressig gewesen. Alles auf den letzten Drücker natürlich. Bücher wegbringen. Tinte verschenken, die ich nicht mitnehmen konnte. Die absolut letzten Punkte auf der Checkliste der Homepage abhaken, welche sich über so lange Zeit hingezogen hatten.
Heim kommen. Niemand da. Hinlegen. Nicht schlafen können. Warten.
Lars kommt heim. Aufstehen. Reden. Hinlegen. Warten. Melancholie. Wehmut. Innerer Frieden. Stille. Nacht. Dunkelheit. Alles auf einmal.
Wecker klingelt: 2 Uhr Nachts

 

Nicht geschlafen. Hellwach.
Gedankensprung 2 Tage in die Vergangenheit: Samstag, der 6.August 2016
Als ich am dritten Tag des Mini-Rock-Festivals nach 2 Tagen feiern hinter der Bar stand und Cocktails mixte hatte ich in einer Mischung aus Kater, Alkohol und Stress einen kurzen Moment des Bewustseins: Das wird der letzte Abend in einer sehr langen Zeit mit einem großen Teil der Menschen, die ich ins Herz geschlossen hatte.
Dass sich zwischenzeitlich zu diesen Menschen noch eine weitere Person in mein Herz verirrte verstärkte lediglich die bittersüße Melancholie.
Rührung. Tränen. Raus gehen. Zigarette rauchen. Rein gehen. Reden. Cuba Libre trinken. Becher spülen. Hauptsache Rücken zum Thresen.
Schichtende. Feiern gehen. Wunderbare Menschen um sich haben!
Gedankensprung Ende

Dienstag, der 9.August. Morgens 3:15 Uhr
Völlig ruhig steig ich ins Taxi. Lars begleitet mich mit 2 Bier im Gepäck zum Flughafen. Danke.
Gepäckabgabe. Eine rauchen gehen. Bierchen trinken. Reden. Eine rauchen gehen. Security Check. Einsamkeit. Glücklich. Euphorisch.
Endlich geht es los!
1. Flug Stuttgart – Palma de Mallorca
wer sich jetzt wundert, wie diese Verbindung zustande kommt. Mir ist bewusst, dass es schnellere, direktere Verbindungen gibt, aber beim Buchen dachte ich mir nur „Scheiß drauf – lieber mehrmals umsteigen als stundenlang an einem Flughafen festsitzen“
2. Flug Palma de Mallorca – Madrid
Während ich die Party-Touristen hinter mir lasse unter dem Motto „Malle ist nur einmal im Jaaaahr“ ist meine Schwester auf dem Weg zum Stuttgarter Flughafen.
Mein Handy blinkt: „<3 bis später“
Wenige Stunden später die Info, dass sie aufgrund einer Verspätung evtl ihren Anschluss in Atlanta/USA verpassen könnte.
Antwort aus Madrid: „Catch me if you can“ (viele lachende Smylies)
3. Flug Madrid – Bogota
Ich bin in Kolumbien. Einreise problemlos. Niemand will den Anschlussflug sehen, den ich mir extra noch nach Panama gebucht hatte, um bei der Imigration keine Probleme zu bekommen.
Check-In Letzter Flug: Medellin
Derselbe Flughafen wie vor 3 Jahren. Derselbe Bus, derselbe Platz auf dem Beifahrersitz, auf den ich über die Ablage hinweg klettern durfte, da ich wieder mal der letzte war und alle anderen Plätze belegt waren.
Dieselbe Fahrt, dasselbe Gefühl, dieselbe Ruhe.
Es ist dunkel. Ich steige aus der Metro aus und versuche mich inkl. meinem kompletten Gepäck zu Fuß zu meinem Hostel durchzuschlagen. Schlechte Idee. „Muy pelligrosso“ ist die Ansage, des Taxifahrers, der neben mit hält um mir klar zu machen, dass ich mal wieder schnurstracks in ein gefährliches Viertel reinmarschiert bin.
Südamerika halt.
Für umgerechnet 2 Euro 50 nimmt er mich mit zu meinem Hostel. Ankunft entspannt.
3 Stunden später fahre ich nochmal mit dem Taxi los Richtung Flughafen meine Schwester abholen. Inkl. dem versprochenen Bier. Alles läuft reibungslos.
Medellin, Mittwoch der 10.August 2016

Ich wache in einem Hosteldorm auf und mit einem Schlag ist sie da: Die Angst den größten Fehler meines Lebens gemacht zu haben. Die Angst genau das zurückgelassen zu haben, was einen theoretisch, möglicherweise und vielleicht genau jetzt hätte glücklich machen können, auch wenn es das die letzten 30 Jahre lang auf Dauer nicht geschafft hat (Der Konjunktiv ist ein Arsch).
(Gedankensprung)

Angst ist normal. Vor allem in den ersten Tagen.  Solange man sich nicht von ihr leiten oder gar blockieren lässt. Alle möglichen Alternativen prügeln mit einem Schlag auf dich ein. Knocken dich aus. Fesseln dich ans Bett. Jede Abzweigung. Jede Entscheidung. Jeder Mensch, der dir in den letzten Monaten noch aus logischen Gründen deine Entscheidung schlecht reden wollte. Jeder Mensch, der nicht in deinem Kopf steckt und trotzdem denkt, deine Beweggründe zu kennen.
 

Ich wollte nicht in vielen Jahren vorm Spiegel stehen müssen, meine Krawatte richten und mich fragen „Warum bist du damals nicht einfach geflogen, als du die Möglichkeit hattest?“
Das ist die einzige Begründung die für mich zählt.

(Gedankensprung Ende)
Nur eine halbe Stunde später, als alle im Dorm wach sind und ich einer Polin gegenüberstehe, die seit mehreren Jahren unterwegs ist und uns ein Phillipino zusammen mit einem Chilenen auf einen Städetrip mitnimmt, ist die Angst verflogen.
Welcome to Medellin bei Tageslicht – Traumhaft!
Diese Stadt strahlt einfach eine Atmosphäre aus, die mich von Tag 1 in einen Bann geschlagen hatte. Hier hatte ich vor 3 Jahren eine handvoll Menschen kennengelernt, zu denen ich noch immer einen sehr herzlichen Kontakt pflege



(Geschenk an eine der Mitreisenden aus Medellin)
Hier waren die ersten Abstürze vorprogrammiert. Hier wurde mir klar, dass in Kolumbien auch nur Menschen leben, die lediglich eine andere Geschichte haben, eine andere Kultur und dass dir an jeder Ecke Kokain angeboten wird ist dann eben die Begleiterscheinung dieser Geschichte. Annehmen muss man es ja schließlich nicht.
Da meine Schwester in einem Monat wieder von Medellin zurückfliegt und wir dort ein paar mehr Tage zum Abschluss einplanen wollen, entscheiden wir uns bald möglichst weiter nach Salento zu fahren.

 

11.August 2016 – Salento, the Coffee Region

Halsbrecherische Busfahrt begleitet von einem Film, bei dem in der ersten Sequenz ein Auto eine Klippe hinabstürzt und „the Rock“ als heldenhafter Retter mit seinem Helicopter angeflogen kommt. Danke Hollywood für dieses Meisterwerk, welches mich nach 10 Minutendazu bewegte meine Kopfhörer reinzumachen und wieder aus dem Fenster zu schauen. Ankunft Salento am Abend. Ein Jeep bringt uns zu unserem Hostel, welches ein wenig außerhalb dieser extrem vom Tourismus geprägten, kleinen Stadt ist. Außerhalb heißt in unserem Fall ohne Internet, aber familiär und mit warmen Duschen.
Nicht zu vergessen die 3 Haushunde (ich erinnere mich an die Namen Rasta und Joint) und das Hauspferd, welches immer neugierig den Kopf in die Küche streckt, wenn man darin am werkeln ist 🙂
Leider hatte mein verpeiltes Ich die Reservierung für einen Tag später gemacht, aber der Hostelbetreiber richtet uns schnell ein Matrazenlager bei den Hängematten ein. Begleitet von vielen „muchas gracias“ unsererseits und beantwortet mit vielen „de nadas“ seinerseits.


 

Tags darauf wird nur entspannt und geschrieben. Als ich eine der Mitarbeiterinnen draußen zeichnen sehe biete ich ihr an ihr zu zeigen, wie ein Mandala aufgebaut wird. Sie ist begeistert und bittet mich um ein Geschenk zu unserer Abreise am Montag.
In einer solchen Atmosphäre kann ich natürlich nicht nein sagen.

 



Salento ist wunderschön. Die hohen Palmen stehen in Cocora, was in etwa 20-25 min mit dem Jeep  zu erreichen ist. Da wir aber ursprünglich nach Salento gekommen sind um eine Ayahuasca Zeremonie mitzumachen, ist dies nur zweitrangig.
Dank des Kontaktes, den unser Hostelbetreiber herstellt findet diese auch statt inmitten von ca 80 Kolumbianern und Mexikanern, die zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen waren. Nur eine handvoll Auswärtige sind anwesend, was im totalen Kontrast zu meinen bisherigen Erfahrungen in Peru stand.
Hier besteht eine familiäre Zusammengehörigkeit. Eine in der Kultur tief verwurzelte Veranstaltung und daher auch sehr entspannt. Auch die Konzentration des Getränks ist demenstprechend niedrig und nicht wie vor 3 Jahren in der Nähe von Cousco, wo ich auf einer Zeremonie landete, welche nur von Reisenden besucht wurde und die mich zeitweise nur Zentimeter in die Nähe des totalen Wahnsinns gebracht hatte.

 

Montag, den 15. August 2016 Abreise nach Bogota

Ich übergebe der Mitarbeiterin ihr Geschenk und schreibe dem Hostel noch ein schönes Dankeschön-Kärtchen, welches mit einer dankenden Umarmung in Empfang genommen wird.

 

 



Dann fahren wir mit dem Bus nach Armenia zum Bus-Terminal.

Nach 4 1/2 Stunden anstehen (Danke kolumbianischer Feiertag) und einer ca 8 Stunden andauernden Nachtfahrt erreichten wir Bogota am Dienstag, den 16. August 2016

 

Liebe Grüße
David
PS: Gesetz dem Fall, dass mir hier doch auf einer der halsbrecherischen Busfahrten oder in einer der Städte irgendetwas passieren sollte möchte ich klarstellen, dass ich nicht naiv bin, was die Gefahr angeht, die solche Reisen mit sich bringen können. Aber nicht zu gehen wäre mein emotionaler Tod gewesen, lange lange vor dem gesetzlich vorgeschriebenen und von allen so sehnlichst erwarteten Rentenalter! (dies nur zur Kenntnis)

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