Kapitel 5: „It’s good to have you back, brother!“

Als ich nach Kolumbien kam war ich ein wankelmütiger, in egoistischer Melancholie abdriftender Schatten meiner selbst. Mir wurde öfter vorgeworfen, ,dass ich mich sehr verändert hatte (Teils ins positive/ Teils ins negative) und ich bestätige dies auch ohne Zweifel.

Die meisten Menschen beglückwünschten und freuten sich für mich und meine Entscheidung.

Mancherorts stieß ich jedoch auf Unverständnis. Mir wurde gesagt, ich sei weich, da ich völlig überfordert mit meiner Situation war und alles nur noch emotional und persönlich aufnahm.

Manche Menschen stellten meine Intentionen in Frage und meinten ich hätte die falsche Motivation für diese Reise. Manche gaben mir gutgemeinte Ratschläge, dass ich die Erwartung nicht zu sehr in die Höhe schrauben sollte, um am Ende nicht enttäuscht zu sein.

Einmal wurde mir vorgeworfen ich würde weglaufen und mir wurde richtigerweise im selben Satz mitgeteilt, dass dies nichts bringe:

Wenn es eine Sache gibt, vor dem man sich auch in den entlegensten Ecken dieser Welt nicht verstecken kann, dann sind das Emotionen. Das sollte jedem bewusst sein, der schon mal mehr als 3 Wochen Pauschalurlaub im Ausland verbracht hat. Weglaufen ist aber auch nie einer meiner Intensionen gewesen. Nur die Alternative, die mir von manchen Ärzten empfohlen wurde, war, sich unter Einbezug von Medikamenten und ohne jegliche Chance auf Verarbeitung zurück in ein Arbeitsleben zu dopen, welches weder seelisch noch körperlich förderlich war für meinen damaligen Zustand.

Ein Australier, mit welchem ich die letzten Wochen zusammengearbeitet habe hatte einmal die treffenden Worte gefunden:
„Du läufst nicht weg, du läufst auf etwas zu, ohne zu wissen auf was genau und das ist wahrhaftig Stärke!“

Veränderung birgt immer das Risiko, sich von Menschen zu entfernen. Vor allem weil niemand auf dieser Welt jemals deine Geschichte durchleben wird. Man kann reden und reden und reden und am Ende eigentlich nur auf Verständnis hoffen. Aber das einzige, was dein Gegenüber sieht ist ein Bild, welches du ihm präsentierst. Niemand kann deine Gefühle fühlen und deine Gedanken denken.und das macht dich zur einzig verantwortlichen Person, für jede Entscheidung die du für dich triffst und jemals getroffen hast.

Das Jahr 2016 hat mir wie kein anderes zuvor diesen Umstand vor Augen gehalten und der Tag an dem ich entschied zu fliegen, war der Tag an dem ich begann wieder glücklicher zu werden und somit war ich mir bewusst, das für mich absolut Richtige zu tun.

Gesunder Egoismus.

Veränderung kann glücklicherweise auch dazu führen, dass neue und alte Menschen wieder verstärkt in dein Leben treten und dies ist nun die Einleitung in eine Geschichte, die vor 3 Jahren begann:

Rückblick

Quito, Ecuador Mai 2013

Ich hatte mich nach anderthalb Monaten endlich von Kolumbien losreißen können und war nach einer 28 stündigen Bus-Fahrt rechtzeitig für das Champions-League-Finale Bayern München gegen Borussia Dortmund in Quito angekommen. Im Hostel lernte ich unter anderen einen Mann Namens Duncan kennen, der längere Zeit an der Nordküste Kolumbiens verbracht hatte und nun ein wenig vom restlichen Südamerika erkunden wollte.


Zwei grundverschiedene Charaktere zur selben Zeit am selben Ort.

Einer extrovertiert, laut, das Alphatier.

Einer introvertiert, still, zurückhaltend.

Außerdem zwei Geschichten, die wir uns in den folgenden 3 Wochen in stundenlangen Gesprächen an verschiedenen Orten Ecuadors erzählten, bis mein Weg mich über den Amazonas nach Peru führte und Duncan nach einiger Zeit zurückkehrte nach Kolumbien.

Ein paar erklärende Worte zu Duncan’s Geschichte

Bereits in früher Kindheit begann Duncan (ursprünglich aus Northhampton /UK) mit selbstgebastelten und teilweise zweckentfremdeten Utensilien durch die Wälder zu streifen und zu „überleben“. Was damals als Spiel begann sollte zu einer Passion werden, so dass er sich nach unserer gemeinsamen Zeit manchmal die Zeit damit vertrieb, alleine in den kolumbianischen Dschungel zu ziehen und ein paar Tage zu überleben, bevor er wieder zurückkehrte in die Zivilisation.

Als die ersten Touristen davon Wind bekamen baten sie ihn mitzudürfen und als das Interesse immer weiterwuchs und Duncan feststellte, dass Menschen bereit waren Geld für diese Art von Abenteuer zu bezahlen beschloss er eine Survival-Schule aufzumachen und Touristen die Grundsätze des Überlebens beizubringen und sie im Anschluss auf mehrtägige Touren mitzunehmen.

DC Bushcraft and Survival war geboren.

Zunächst mietete er sich spartanisch eingerichtete Räumlichkeiten in den Bergen von Minca/Kolumbien an, um ein Lager und Schulungsräume für die Touren zu haben.

Diese wurden später ausgebaut zu einem Bed & Breakfast mit dem Namen „La Fuente“ (Die Quelle, die Kraft), welches er zusammen mit seiner damaligen Freundin eröffnete und welches wiederum in meiner Geschichte eine tragende Rolle spielen wird.

Minca, Kolumbien August 2016

3 Jahre nach unserer Verabschiedung fielen wir uns in die Arme und stießen zusammen mit meiner Schwester auf die Wiedervereinigung an.

La Fuente ist einfach wundervoll. Ein kleines Paradies ca 45 Minuten Fußmarsch von Minca, einem kleinen Dschungeldorf, entfernt.

Kleine angelegte Wege, die einen durch das viele Grün des Gartens führen.

Ein Kollibri, der neben einem den Nektar aus den Blüten frühstückt.

Ein Fluß der durch das Grundstück führt und eine Bar, eigenhändig aus einem einzigen, riesigen Baumstamm gesägt.

Traumhafte Atmosphäre um kreativ zu werden.


Nach 2 Wochen an diesem Ort begleitete ich meine Schwester zurück nach Medellin. Nach insgesamt 4 Wochen in Kolumbien war ihre Zeit hier vorbei und wir verabschiedeten uns am Flughafen in dem Bewusstsein, dass wir uns eine ganze Weile nicht mehr sehen werden.

Bedrückt kehrte ich an diesem Tag in das Hostel zurück und fand die zerknüllten Laken ihres Bettes vor.

Das, was ich mir seit Monaten erhofft und vehement gesucht hatte war nun endlich eingetroffen:

Einsamkeit.

1 Woche blieb ich in Medellin und machte gute wie schlechte Erfahrungen (Vielleicht werde ich auf diese Geschichten noch einmal näher eingehen aber jetzt passt es gerade nicht zur Thematik). Eine kleine handvoll netter Menschen lernte ich jedoch kennen und begab mich am Samstag, den 11. September zurück nach Minca, um mich endlich voll und ganz einer Aufgabe zu widmen, auf die wir uns kurz vor meiner Abreise noch geeinigt hatten.

Die Neugestaltung der Schilder des Bed&Breakfast, welches an einem Wanderweg liegt.

Ziel der Gestaltung:

Menschen dazu zu bewegen reinzukommen und diesen traumhaften Ort zu erleben und sei es nur für ein paar Bier und ein Mittagessen.

„Everything happens for a reason“ – Eine inflationär verwendete, aber dadurch nicht an Bedeutung verlierende Weisheit, schlug 3 Jahre nach der Saat die ersten kleinen Wurzeln in mein bis dato unstrukturiertes und chaotisches Leben.

Schlaflose Nächte des Schreibens. Utensilien, die ich mir vor allem in den letzten Monaten zusammengekauft hatte. Ein Grabstein, den ich beschriftete und der mir viel Selbstvertrauen gab. Spitzfedern, mit denen ich viele, viele Ornamente zeichnete, die jetzt plötzlich die Grundlage für meine Rahmen bilden.

Das Beobachten wie ein Graffiti Schicht für Schicht entsteht. Die Zeit im Tattoo-Studio.

Überall in meiner Vergangenheit fanden sich plötzlich kleinere Fragmente und Erfahrungswerte, auf die ich dank des mentalen Abstandes und der Ruhe plötzlich zurückgreifen konnte.

Während das erste Schild noch schwer durch verschiedene anderer Meinungen in Design und Farbe beeinflusst worden war, entwickelte sich in mir das nötige Selbstbewusstsein um klarzustellen, dass ich das zweite, weitaus größere Schild nur dann gestalten werde, wenn mir absolut freie Hand gelassen wird.


Und so bekam ich lediglich eine Liste mit Worten und begann das für mich größte und zeitaufwändigste Kalligrafie Projekt, das ich jemals gestalten durfte… und nebenbei auch mein Schönstes.

Zeitaufwand inkl. Freihand Bleistift Skizze direkt auf das Brett: mehr als 40 Stunden

Größe ca 2m x 1,5m


6 Wochen, nachdem ich das erste Mal über die Schwelle dieses Ortes trat, saß ich mit Duncan an der Bar.

6 Wochen, in denen er auch mit meiner Schwester darüber gesprochen hatte, dass derzeit niemand weiß, was in meinem Kopf los ist. Dass er mein Lachen vermisst. Dass ich mich verändert habe.

6 Wochen einsame Kreativität, Ruhe, Meditation, viel Wasser, gutes und gesundes Essen.

6 Wochen und ein kurzer Satz fällt in ebendieser Nacht an der Bar, der sinnbildlich dafür spricht, wie wichtig dieser Ort und diese Zeit für mich waren und sind:

„It’s good to have you back, brother“

Liebe Grüße

David

2 thoughts on “Kapitel 5: „It’s good to have you back, brother!“”

  1. Lieber David,
    ….Ich weiß wirklich nicht, wieviele Jahre wir in demselben Betrieb gearbeitet haben…
    Ich „kannte“Dich nur durch die Telefonliste…Ich weiß auch gar nicht, wie ich letztendlich auf dieser Seite gelandet bin……Ich glaub über Facebook….egal…..
    Ich will dir nur sagen, dass ich deine Beiträge und Geschichten toll finde….Ich warte sehnsüchtig auf jeden neuen Beitrag. Du schreibst super…Dein Stil spricht mich an und wenn ich deine Worte lese, holst Du mich ab nach Südamerika…Das ist toll…War dieses Jahr selbst 3 wochen in Mittelamerika..In Costa Rica….Bin geflasht.
    David …Du und deine bezaubernde Kunst und dein tolles Schreiben geben mir ein Highlight in meinem Alltag……mach bitte weiter…Ich freue mich Neues von Dir zu hören …Ich glaube du hast für dich das einzig Richtige gemacht……mach weiter…..Liebe Grüße aus der alten Heimat…

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