Kapitel 9: „Broken Pencils pave my way“

…als ich diese Metapher das erste Mal schrieb, dachte ich mir noch mein Leben wäre unverhältnismäßig dramatisch verlaufen.
Kurz vorm Burn-Out. Suizid im engen Freundeskreis. Trennung. Alles am Arsch!

Heute, exakt 1 Jahr nachdem ich Deutschland verlassen habe, weiß ich, dass
1.) mein Leben keinesfalls dramatischer, als das vieler anderer Menschen war, und
2.) es genau diese Momente sind, in denen sich ein Charakter formt.
In denen wir uns entscheiden können im Status Quo zu verharren, oder das Beste aus der Situation zu machen und etwas zu verändern indem wir uns unserer individuellen Stärken bewusst werden.

Um das zu verstehen musste ich aber erst einmal für unbestimmte Zeit meine Heimat verlassen und Altlasten abwerfen.
Ängste, Zweifel, schlechte Erfahrungen. Außerdem 12 Jahre Hamsterrad, in denen ich fast stillstand und mich nicht zu bewegen wagte.

„Ich verstehe nicht, wie du einen sicheren Job hinschmeißen kannst“
Diese Aussage stammt von einem Klassentreffen und sie stimmt mich noch heute nachdenklich:

Weil er nie sicher war, vermutlich. Er wurde mir nur von Anfang an als solcher verkauft.
Erschwerend kam hinzu, dass ich mit Anfang 20 bereits gezielt auf eine niedrige Rente mit vielleicht 67 vorbereitet wurde.
Aber über Jahrzehnte hinweg vertraglich vorgeschriebene 38 Stunden meiner Wochenzeit gegen einen Gehaltsscheck einzutauschen, der lediglich alle laufenden Kosten deckt, hört sich für mich mit ein wenig Abstand nicht mehr besonders „sicher“ an.
Vor allem dann nicht mehr, wenn ich durchgehend nach dem Maßstab anderer Menschen funktionieren muss und diese mich und andere je nach Leistung beurteilen, versetzen oder aussortieren können.
Was ist daran denn noch sicher?

Als Kind wurde uns immer gesagt, dass wir alles werden können was wir wollen, doch je älter wir wurden desto mehr schränkten sich viele von uns ein:
Von Finanzierungen, von Wohlstand, von Sicherheit, von Komfort und der Hoffnung, dass irgendwann der richtige Moment und die zündende Idee kommen wird, um all das zu sein, was wir gerne wären…

Aber:
Der richtige Moment wird nie kommen, wenn wir auf ihn warten. Der einzig richtige Moment ist jetzt.
Die zündende Idee ist auch kein 6er im Lotto, der mit einem Schlag unsere Probleme löst. Die Idee selbst schlummert und benötigt viel Zeit, viele Fehler und harte Arbeit um zu reifen und zu dem zu werden, was wir uns vom Leben wünschen.
Kein Mensch darf das Recht haben, über unseren Weg zu urteilen, denn am Ende wird jeder auf seinem eigenen Sterbebett liegen und sich fragen, ob er oder sie tatsächlich alle Möglichkeiten ausgeschöpft hat in der Zeit, die wir auf dieser Erde verbracht haben.

Um das alles wirklich zu verstehen musste ich erst einmal zurück zum Anfang!
Wieder Kind werden um selbst ausprobieren und entdecken zu können, was ich kann und was ich selbst will.
Die ganze Angst und die Regeln des Erwachsenseins ablegen und Schritt für Schritt wieder alleine laufen lernen. Wieder hinfallen und merken, dass alles halb so schlimm ist und man auch von allein wieder aufstehen kann.
Alles was „normal“ ist in Frage stellen und mir meiner eigenen Ziele, Wünsche und Sehnsüchte klar werden.
Meinen eigenen Instinkten vertrauen und dass ich selbst am Besten weiß, was gut für mich ist.

10.Mai 2017

9 Monate dauerte es in Kolumbien mein Selbstvertrauen soweit aufzubauen, dass ich mir zutraute einen Auftrag anzunehmen, der alles überstieg, was ich bisher gemacht hatte. Größer als alles bisherige und vor allem nur 3 Wochen Zeit, da ich meinen Flug nach Nicaragua bereits gebucht hatte. Das letzte Projekt in sicherer Umgebung sozusagen, bevor ich mich selbst ins Unbekannte entließ.


(Bilder: Drop Bear Hostel Santa Marta / Kolumbien)

Zu Beginn dieser 3 Wochen hatte ich einfach keine Zweifel, dass es gut werden würde. Ich wusste es und alles was ich dafür lernen musste, lernte ich während des Arbeitens durch recherchieren und ausprobieren.
…Jetzt wo es fertig ist, kann ich auch zugeben, dass es überhaupt erst das 2. Bild war, das ich jemals mit Acryl auf Wand gemalt hatte (Bild 1 war Calvin und Hobbes).
Es gab also wirklich viel zu lernen 😉

2.Juni 2017

Nach den 3 Wochen im Drop Bear Hostel stieg ich in ein Flugzeug nach Managua, der Hauptstadt Nicaragua’s.
Die Herausforderung an mich selbst war es, in einem völlig neuen Land Kontakte zu knüpfen. Keine Bekanntschaften, nur meine Schwester und ein guter Freund, welche die ersten beiden Wochen mit mir gemeinsam unterwegs waren.

Als diese zurückgeflogen waren kam die Kehrseite der Medaille – Wahrhaftige Einsamkeit.
Es war Regenzeit und die Hostels waren größtenteils leer. Die Betreiber wollten verständlicherweise lieber das wenige Geld mit mir als Gast machen, statt auf mein Angebot einzugehen, ich könnte etwas gestalten und somit schien es als fließe mir das bißchen verbliebene Geld durch die Finger, während ich mich ekelhaft unnütz und alleine fühlte.
Ich schleppte mich jeden Tag aus dem Hostel um Visitenkarten zu drucken. Ich klapperte die Bars und Restaurants der Umgebung ab, was mir als eher introvertierter Mensch schon sehr schwer fiel. Ich schrieb Hotels an und gestaltete kleine Vorschauholzstücke. Einfach nur um nicht das Gefühl zu haben stehen zu bleiben.
Aber nichts von alledem funktionierte und ich fühlte mich einfach nur beschissen.

Dann ergab sich plötzlich eine Möglichkeit.

Mein zu dem Zeitpunkt einziger Freund, der Nachtwächter meines Hostels, hatte mir empfohlen eine Einrichtung namens Chureca Chic anzuschreiben.
Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste war, dass es sich um eine soziale Einrichtung handelt, welche armen Frauen aus mißbräuchlichen Verhältnissen hilft.
Was ich auch nicht wusste war, dass die dazugehörige Boutique, in der selbstentworfene Kleidung und Schmuckstücke verkauft werden und deren Einnahmen den Frauen zugute kommen, nur 2 Straßen weiter vom Hostel lag und so staunte ich nicht schlecht, als ich auf meinem Weg zum Supermarkt plötzlich daran vorbeilief.
Was sollte ich machen?
Nochmal nach Hause und die knallbunten Badeshorts gegen eine klassisch schwarze tauschen?
Lieber ein Longsleeve, um die offensichtlichen Tätowierungen zu verbergen?
Ich entschied mich, den Moment zu nutzen und betrat eine schöne, stilvolle Boutique im Herzen Managuas in Badeshorts und Tanktop, um mich als Künstler vorzustellen…

Ich bekam nichts für die Arbeit, aber das war mir egal. Es war für einen guten Zweck und ich hatte zu tun und so marschierte ich anderthalb Wochen lang an jedem geöffneten Tag in die Boutique, um eine Wand mit dem Thema „The secret garden“ zu gestalten.


(Bilder: Chureca Chic – Managua / Nicaragua)

Zwischen meinem Hostel und der Boutique liegt eine Bar namens „Time Traveller“. Mir war bereits von einigen Menschen gesagt worden, dass der Inhaber vermutlich an meiner Arbeit interessiert sein könnte, aber ich fand nie die Zeit mich vorzustellen.
Außerdem wollte ich abwarten bis das „The secret garden-Bild“ fertig war, um auch ja die Spitze meines Könnens präsentieren zu können.
Als es dann soweit war und ich die Bar betrat fand ich die Freundin des Inhabers vor. Sie war begeistert von meiner Arbeit und versprach mir mit ihrem Freund zu sprechen.

Nur wenige Tage später war ein Zimmer für mich eingerichtet worden und ich verbrachte 3 wunderschöne Wochen mit der kleinen Familie in der Bar, wo ich das „the time machine“- Bild malte.


(Bilder: Time Travellers Bar – Managua / Nicaragua)

Vor etwa einer Woche, noch bevor das Time Machine Bild fertig war, ging ich zu einem Treffen, welches über die Social Media Plattform „Internations“ organisiert wurde.
Auf meinem Profil, welches ich eigentlich nur schnell zusammengestellt hatte, um mich für die Veranstaltung anmelden zu können, hatte ich lediglich 2 Bilder von Schildern hochgeladen, welche ich in Kolumbien gemalt hatte.

Nur wenige Minuten nach Beginn der Veranstaltung sprach mich ein Italiener in schicken schwarzem Hemd an:
„You are the artist that is doing the signs, right?“

2 Tage nachdem ich die Time Machine Wand fertiggestellt und unterschrieben hatte, holte er mich von der Bar ab und nahm mich mit nach Popoyo, dem absoluten Surf Spot Nicaraguas, um einige seiner Schilder zu gestalten.
Mittlerweile habe ich auch aus Kolumbien die ersten Langzeit-Ergebnisse, wie sich die Schilder dort während der Regen und Trockenzeit entwickelt haben, was mein Selbstvertrauen nur noch weiter stützt.

…und somit sitze ich hier am Strand und genieße das gute Essen, während ich etwas tue, was mir unfassbar viel Spaß macht.


(Bilder: 99 Surf Lodge – Popoyo / Nicaragua)

Dennoch habe ich mich entschieden zum neuen Jahr nach Deutschland zurückzukehren und von Stuttgart aus zu meiner Freundin nach München zu ziehen.
Die ersten Kontakte sind schon geknüpft, die Vorbereitungen laufen und somit freue ich mich immens auf jeden weiteren Schritt, jede Veränderung und jede Herausforderung, die sich mir noch entgegenstellen wird.

9.August 2017

Broken Pencils pave my way – ein Satz der entstand, nachdem mir mitgeteilt wurde, dass mein Leben kein Wunschkonzert sei.
Als ich heulend am Boden kauerte, mich einschloss und fast niemandem mehr Zugang zu mir gewährte.
Das einzige worum ich gebeten hatte, war eine Veränderung.
Heute kann ich nur Danke schön sagen.

Danke, dass meine Bitte um Veränderung nicht gehört wurde und ich gezwungen war, selbst etwas zu verändern.
Von ganzem Herzen.

David

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