Kapitel 12: Identität

“Kann es sein, dass mit einer Störung der Identität auch eine Konzentrationsstörung einhergeht?” 

“Es würde mich wundern, wenn es nicht so wäre!” 

Mein Therapeut sitzt mir gegenüber. Seine Antwort legt behutsam einen weichen Schleier auf einige tief sitzende Verletzungen aus den vergangenen Jahren.  

Das Gefühl, dumm zu sein, in einer Welt aus Zahlen, Daten und Fakten. Gedanklich nicht schnell genug. Überstimmt von einem Umfeld, welches zuweilen etwas ungünstig gestrickt ist für ein gefühlvolles Miteinander.  

Umgeben von Menschen, die schneller und rationaler denken als ich.  

Oder auch einfach nur verunsichert von selbstbewusst auftretenden Menschen.  

Irgendwas von den genannten Punkten trifft zu. Vermutlich ein wenig von allem.  

Wie man es dreht und wendet – es ist wie es ist und ich bleibe bei meinem Statement: 

Am Ende ist jede/r selbst verantwortlich für sein oder auch ihr Handeln.  

“Too many feelings 4 this fucked up world” steht in einem meiner ersten Kapitel – Geschrieben auf Papier aus einer Zeit, in der Kalligrafie noch ein Tor darstellte, um aus allem auszubrechen. Eine Identität zu finden, denn was das betrifft scheine ich tatsächlich viele Jahre in einem Irrgarten verbracht zu haben. Gefangen in einer Opferrolle, in der ich mich, wie ich mir selbst eingestehen muss, bis zu meinen 30ern befunden habe – demzufolge bis jetzt und wenn man zwischen den Zeilen liest, erkennt man sie auch in den ersten Sätzen dieses Textes.  

Gedankensprung nach München: 

„Unser Großvater in England war ein Findelkind“ – Mein Bruder ist mit mir nach München gekommen, um einer Doppelstunde mit meinem Therapeuten beizuwohnen.  

Wir hören zu, während uns erklärt wird, dass Findelkinder oftmals blind sind für die Bedürfnisse ihrer eigenen, leiblichen Kinder und diese Eigenschaft dann wiederum von diesen an die Enkel weitergegeben wird.  

Unverarbeitet. Ungefiltert. Unwissend.  

Was bleibt ist die Sehnsucht nach Wurzeln, Sicherheit und innerer Geborgenheit. Blind durch ein Labyrinth torkelnd auf der Suche nach Stabilität, Wärme und starken Persönlichkeiten.  

Enttäuscht vom Umfeld, welches nicht in der Lage ist, dieses bodenlose Fass zu füllen.  

Ich spreche hierbei über mich selbst und den Weg, welchen ich als Kind gewählt habe: 

Anhänglich, unterbewusst fordernd, gierig nach Liebe. Energie raubend. Nicht fähig mir selbst Stabilität zu geben und nicht in der Lage, mich selbst zu schützen.  

Vielleicht mögen diese Worte im ersten Moment ein wenig hart klingen. Als ob ich mich selbst ans Kreuz nageln würde, aber nichts liegt mir mittlerweile ferner. Ich habe begonnen, mich selbst zu verstehen. Meine Gefühle, meine Bedürfnisse.  

Meinen Wert – die Kunst die ich mache und die Wege, die ich eingeschlagen habe.  

Selbst die Texte, die ich in der Vergangenheit schrieb, machen immer mehr Sinn und wenn ich sie heute lese, lese ich den Schrei zwischen den Zeilen, der sich nach Anerkennung sehnt.  

„Es gibt zwei Möglichkeiten ein Opfer zu sein! Entweder man wird geopfert oder man ist… – ( Pause) – es ist an der Zeit, dass Sie die Opferrolle aufgeben“ 

Gedankensprung Ende 

26.01.2019 – Spenden-Gala von STELP.  

Wenige Stunden vor Beginn 

Mein Telefon klingelt, Serkan – der Hauptveranstalter – ist dran und fragt mich, ob ich ggf. 20 min eher kommen kann. Einer der Künstler benötigt kleine Schilder für die Bilder, die er im Rahmen des Abendprogrammes anbietet.  

Der Name des Künstlers sagt mir nichts, ich weiß nur, dass ich ihn irgendwann auf eine der ca 280 Karten geschrieben habe.  

Ich sage zu und packe denselben Stift ein, mit dem ich auch die Karten kalligrafiert habe.  

In Anzug und Mantel laufe ich durch die Stadt, um meine Schwester abzuholen, welche mich an diesem Abend begleiten wird. Es ist kalt und meine schwarz lackierten Fingernägel stechen hervor im Kontrast zu dem sonst so angepassten Erscheinungsbild. 

Viel Arbeit steckt in diesem Abend.  

Kein finanzieller Ausgleich. Ehrenamtlich – so wie jede weitere Person, die an der Organisation beteiligt war.  

Am Ende werden über 100.000 Euro an Spenden zusammenkommen.  

Weitestgehend organisiert von einer einzelnen Person, welche seinen Job an den Nagel gehängt hat und mit 0 Euro Budget dieses Event auf die Beine gestellt hat, um Kindern in Not zu helfen.  

Mein Kontostand hat an diesem Punkt ein ultimativ rotes Minus erreicht. Nichtsdestotrotz bin ich zuversichtlich, dass ein Wendepunkt bevorsteht, der mich zwar noch viel Arbeit, Kraft und Überwindungen kosten wird, aber jeder Tag ist eine neue Möglichkeit, eine kleine Veränderung im Leben hervorzurufen, welche in vielen Jahren den Grundstein für einen Erfolg bilden kann – oder zu einer Erfahrung wird, aus der man lernen konnte. Beides geht Hand in Hand. 

So die Theorie – In der Praxis benötige ich noch immer äußere Einflüsse und viel Zeit, um Zweifel und Ängste zu überwinden. Aber es wird! 

„Wenn Sie vor etwas Angst haben – Sehen Sie hin!“  

Meine Schwester und ich treten in einen großen Saal. Es ist noch nicht so voll, aber der rote Teppich mit seinen Werbe-Bannern steht schon bereit. Hin und wieder sieht man ein bekanntes Gesicht, welches durch die Menge huscht. Gesichter, die man sonst nur aus dem Fernsehen, oder von Konzerten kennt.  

Später werde ich mein eigenes Logo auf einer der Wände entdecken und mich daran zurückerinnern, wie Serkan völlig verwirrt war, als ich ihm erklärte, dass keine Vektor-Datei davon existiert. 

Ich weiß bis heute nicht, wie das funktioniert. 

Quelle des Bildes: www.schwarzarbeit.xyz

Kurz vor Beginn der Veranstaltung stehe ich vor einem hochgewachsenen, jungen Mann mit schwarzen Locken und einem sympathischen Grinsen. Ich habe ihn zu diesem Zeitpunkt noch nie gesehen. Zumindest nicht bewusst und ich weiß auch nicht, dass von ihm die riesigen schwarz, weiß und goldenen Bilder sind, die in der Halle aufgestellt wurden. Nichts von seinen Instagram Zahlen und seinen Ausstellungen in der Welt.  

Minuten zuvor musste ich seinen Namen noch im Internet suchen, um überhaupt zu wissen, auf wen ich zugehen soll:

Tim Bengel

Wir unterhalten uns und er hört sich interessiert Details zu meiner Reise an, während ich die provisorisch zusammengebastelten Schilder beschrifte, die später an seinen Bildern hängen werden.  

Ich gebe ihm meine Karte.

Ein paar Wochen später erhalte ich eine Nachricht mit der Frage, wann ich das nächste Mal in Stuttgart bin…


In dieser Zeit fahre ich fast wöchentlich von meinem neuen Wohnort in Stuttgart nach München, wo ich meine Therapie fortführe. Aus Prinzip oder vll auch aus einer gewohnten Anhänglichkeit raus. Es ist erschöpfend und manchmal muss ich ein bis zwei Wochen Pause einlegen. 

Aber die Therapie hat einen riesigen Einfluss gehabt. Sie hat das Verständnis für und somit das Verhältnis zu meiner Familie ungemein verbessert.  

Sie hat mir das Selbstbewusstsein gegeben, nach Hamburg zu einer Uni zu fahren und mich ohne Abitur oder Fachhochschulreife im Alter von 32 Jahren vor einen Professor zu stellen und zu sagen: Ich will studieren! 

Ich erinnere mich, wie in der 6 und 7. Klasse mein Wille zu lernen plötzlich verschwand. An die 3x Mangelhaft in der 8. Klasse, mit denen ich dann das Gymnasium verließ. 

Ich erinnere mich an einen kleinen Jungen, der auf seinem Bett saß und sich trotzig schwor, niemals zu studieren.  

An das Gefühl, dumm zu sein, die Angst vor dem Versagen und an Worte, wie richtig und falsch – dumm und klug – schwarz und weiß. 

An jahrelange Angepasstheit und innere Einsamkeit. An Beziehungen, die nicht hielten. An sich wiederholenden Trennungsschmerz.  

Ich erinnere mich aber auch an das Gefühl, als mir der Professor in Hamburg eine Hochschulzulassung gab und wenige Minuten später die Bestätigung für ein Teilstipendium.  

Ich erinnere mich an Tims Anfrage, ob ich ihm ein Zertifikat für eines seiner Bilder schreiben könne und an den Moment, als er mir das handgeschöpfte Papier aus einer Manufaktur in Augsburg vorbeibrachte.  

Wie es sich anfühlte zwischen meinen Fingern, den Geruch und dabei zuzusehen, wie die Tinte der Spitzfeder in den weichen Fasern verschwindet.  

Echtheitszertifikat für das Bild “Zuversicht”

Ich erinnere mich an einen rauen Kiesstrand des Atlantiks, wo wir als Kinder oft unsere Urlaube verbrachten. Die stürmische See Englands und die Salzkristalle auf der Haut.  

An das kleine Casino, das noch heute am Pier steht und in dem wir unser Taschengeld verspielten.  

An die Backsteinhäuser, die frische Luft und das kleine Haus unserer Großeltern.  

An unseren Opa, der in seinem Schaukelstuhl saß und Pfeife rauchte.  

Ich erinnere mich auch an die Berge in Südtirol. An das Wandern und die Almen. Die riesen Gusseisen-Pfannen aus denen wir als Kinder von allen Seiten den süßen Griesbrei rauslöffelten.  

An verschmierte Gesichter und aufgeschürfte Knie und an kleine Holzboote aus Rinde, die im Bergbach verschwanden, wenn man nicht aufpasste.  

An Kinder in Lederhosen und Dirndln auf Hochzeiten von Tanten und Onkeln.  

An zwei Quellen familiärer Wurzeln und einer dritten, die in Deutschland dazukam. Grenzübergreifend.  

Ein Fundament aus 3 Säulen welches immer robuster wird und den Grundsein legt, für eine gemeinsam wachsende Familiengeschichte. 

Vielen Dank 

David  

England 2018

“Ist Ihnen aufgefallen, was in den letzten Minuten passiert ist?” 

“Meine Stimme ist fester” 

“Sie sind gerade erwachsen geworden!” 

3 thoughts on “Kapitel 12: Identität”

  1. Ein sehr berührender Text. <3 Du hast sehr viele Talente. Eins davon ist solche Texte zu verfassen die einem unter die Haut gehen. Ich habe seit ich dich getroffen habe immer das Gefühl gehabt, dass du nicht wie viele blind und ich bezogen durch die Welt gehst sondern jemand bist mit sehr viel Tiefgang. Es ist immer schön solchen Menschen zu begegnen. Bis hoffentlich bald mal wieder 🙂 lg Nicole aus Stuggi 🙂

    1. Hey Nicole 🙂
      Danke wieder für deinen Kommentar – es macht mir auch Spaß zu sehen, dass die Reaktionen auf die Texte noch immer auf die ein oder andere Weise ihren Weg zu mir finden 🙂
      Liebe Grüße und bis bald.

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