Kapitel 2: die innere Ruhe

als ich vor ein paar Monaten den Text „das Hamsterrad“ schrieb war ich noch mitten drin in der Findungsphase. Mitten im Strudel. Mitten in der Frage, wo genau es mit mir hingehen soll und damit auch mitten in der inneren Unruhe.

Das rastlose Herz, das sich an alles klammert, was irgendwie an alte Gefühle erinnert.

Der rastlose Geist, der alles wieder und wieder analysiert und sich fragt, was genau da eigentlich passiert ist?

Hierzu würde ich gerne ein paar Eckpfeiler der vergangenen Monate ansprechen, die mir meiner Meinung nach wieder Schritt für Schritt zu einer inneren Ruhe verholfen haben, wie sie laut Pharmaindustrie auch mit dem Einnehmen verschiedener Medikamente zu erreichen wäre (höhöhö).

Ein letztes Resümee aus der Zeit in Deutschland, bevor es am 9. August nach Kolumbien geht:

Im März besuchte ich meine Eltern in Südtirol. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch krank geschrieben und gerade in der Zeit, in der mein Kopf mich einfach nur 7 Tage die Woche 24 Stunden am Tag komplett auseinandernahm. Keine ruhige Minute ohne einen destruktiven Gedanken. Ich konnte nicht ruhig schlafen, ich konnte über Wochen hinweg nichts produktives denken. Mein Kopf sprang und sprang immer wieder alten Gedankengängen hinterher, die mich einfach nur runterzogen mit denselben Fragen „Warum, wieso, weshalb?“.

Die folgende Situation beschreibt diese Phase ganz gut.

Als ich in dieser Zeit einmal 4 1/2 Stunden am Schienbein tätowiert wurde sagte ich nach anderthalb Stunden zum Tätowierer „Danke dafür, dass dieser Schmerz gerade zum ersten Mal in Wochen meinen Kopf zum schweigen bringt!“

13898375_1016383281743891_498690823_o

(Too many feelings 4 this fucked up world)

 

Da meine Eltern selbst vor 10 Jahren ihrem inneren Kompass gefolgt und ausgewandert waren, hatte ich eine sehr gute Basis und führte viele Gespräche rund um das Thema Selbstfindung, Arbeitsverhältnis, Hamsterrad usw.

Das Schöne war von meiner Mutter zu hören, dass genau dieselben Gedankengänge die beiden dazu bewogen hatten auszuwandern. Nur eben ca 20 Jahre später als bei mir.

 

Donnerstag, der 3. März 2016

Meine Mutter ist unter anderem Coach für „Holistic Pulsing“, einer Art meditativen Entspannungsübung, die einen je nach Charakter tief in die eigene Psyche einsteigen lässt, oder aber auch einfach nur viele Gedanken im Kopf ordnet und entspannt. Als sie meinte, dass die ein oder andere Person in einer Sitzung einen Heulkrampf erlitten hatte war ich etwas verunsichert, aber auch neugierig, da ich ein sehr großes Faible für spirituelle Reisen habe, die den inneren Ausgleich zum Ziel haben – Therapie-Effekt = Check!

In meinem Fall war es ein ziemlicher Overflow an Informations-Datensträngen in meinem Kopf. Ich ging auf eine Art Reise, immer wieder meinen eigenen Geist sehend, wie er umgeben von verschiedenen Figuren versuchte seinen Weg zu finden. Meist Silhouetten von Menschen, die in meiner Vergangenheit eine Rolle gespielt hatten.

Sie kamen und gingen. Manche waren länger da, andere kürzer, bis ich gegen Ende voranlief und sich ein kleiner Pulk Menschen hinter mir gesammelt hatte, bestehend aus Familie und engen Freunden und was mich am meisten freute, war, dass Tobi ebenfalls inmitten meiner Familie stand und mitmarschierte.

Kurz nach der Meditation war ich erstmal ziemlich verwirrt und musste alles sacken lassen. Bis ich einen Anruf erhielt von einer Sozialarbeiterin, welche mir über die Krankenkasse zugespielt worden war und die mich in meiner „Post-Traumatischen-Arbeits-Bzw-Was-Um-Alles-In-Der-Welt-Soll-Ich-Nur-Machen“- Phase betreute und mit Rat und Tat begleitete.

Hierfür möchte ich mich noch einmal bewusst bedanken, denn in dieser Zeit hätte ich sehr vieles falsch machen können, aber diese Dame ist am Ende zum größten Teil dafür verantwortlich, dass ich die Zeit bekam, meinen Kopf wieder komplett neu zu ordnen, sowie dass ich meine Bilder malen und Texte schreiben konnte und ich bin froh, dass wir noch immer in Kontakt stehen (Link).

Dieser Anruf hatte zur Folge, dass eine ansich bereits getroffene Entscheidung untermauert wurde und ich mir endlich bewusst machte, dass ich nicht mehr in mein altes Büro zurückkehren werde.

In dieser Nacht saß ich am Schreibtisch meiner Eltern und versuchte mich von der Schlaflosigkeit abzulenken, indem ich Filme ansah, bis zu dem Moment, in dem mir die volle Erkenntnis und damit all seine Konsequenzen in den Kopf schossen:

„Du kannst mit deinem Leben machen was du willst! Du kannst komplett von vorne anfangen! Du kannst reisen gehen, ohne dir Gedanken zu machen wieder zu kommen! Absolut alles ist möglich!“

…wieder einmal brach ich in Tränen aus, nur dieses mal nicht aus Verzweiflung, sondern aus purer Erleichterung, denn ein Riesenberg an Gefühlen, Unsicher- und Abhängigkeiten, war mit einem Schlag von meinen Schultern gefallen und vermutlich war dies auch der Moment wo klar war, wenn du reisen gehst, dann mit sowenig Ballast, wie nur irgendwie möglich und somit beschloss ich absolut alles zu verkaufen, was ich meiner Meinung nach nicht mehr brauchte.

DCIM100GOPROGOPR7859.
Flohmarkt am 21 Mai 2016

 

Jedes Teil, welches in eine fremde Tasche wanderte, glich einem Gefühl der Erleichterung, gewürzt mit einer kleinen Prise Wehmut. Es fühlte sich wunderbar an und wurde zu meiner Tagesaufgabe:

Käufer finden, Päckchen packen und verschicken. Möglichst viel aus all den Sachen rauszuholen, um mir somit noch ein wenig finanziell den Rücken zu stärken.

Zwischenzeitlich hatte sich auch mein Wesen wieder verändert. Die Angespanntheit und Nervosität, die Ängste und Unsicherheiten waren wieder einer inneren Ruhe gewichen und anstatt mich weiterhin einzuigeln und zu versuchen so alleine wie möglich zu sein, ging ich wieder raus und traf mich mit Freunden, wobei ich zum Glück meine künstlerische Begeisterung beibehielt.

 

 

Samstag, der 2. Juli 2016 (mein 30. Geburtstag)

Der Abflug war gebucht. 2 meiner sehr engen Freunde feierten mit mir zusammen einen so wunderschönen Geburtstag, wie ich ihn wahrscheinlich nie erlebt habe. Bis in die Morgenstunden waren die Menschen gut gelaunt und ausgelassen. Alle lagen sich in den Armen und man hatte das Gefühl einer 100%igen Geborgenheit inmitten der Menschen, die einen teilweise über viele Jahre begleitet hatten. Auch meine Familie war komlett anwesend, was mich sehr freute.

Einen meiner ersten Texte aus diesem Jahr schloss ich anfangs ab mit den Worten „mit ganz viel Liebe, den davon habe ich wahrscheinlich ein wenig zuviel abbekommen“.

Als ich diesen ins Englische übersetzt und meiner Mutter zum Korrekturlesen verschickt hatte kam neben den gramatikalischen Fehlern auch ein kleiner Absatz von ihr zurück mit dem Hinweis, dass man niemals „zuviel Liebe“ haben kann.

Als ich diesen Geburtstag feierte und sah, wieviele gute Menschen sich in den letzten 30 Jahren in mein noch kurzes Leben verlaufen hatten, fing ich an zu verstehen, was sie damit gemeint hatte.

 

Mittwoch, der 3. August 2016 (heute)

Ich sitze gerade am Tisch eines guten Freundes, der mich für meinen letzten Monat in Deutschland beherbergt. Gestern hatte ich meinen letzten Tag im Tattoostudio (Link). Morgen fahre ich auf mein letztes Festival (Mini-Rock-Festival), um dort noch einmal ehrenamtlich an der Strandbar zu arbeiten. Am Sonntag geht es zurück und am Dienstag fliege ich ab.

Hallo innere Ruhe, wie ich sie seit Jahren nicht mehr verspürt habe. Hallo Welt!

Mit ganz viel Liebe, denn davon kann man nie genug haben.

David

 

Zitat aus einer weiteren Email meiner Mutter vom 10.12.2015 – der Urheber ist mir leider nicht bekannt:

„I asked for strenght… and I was given difficult tasks to make me strong.

I Asked for wisdom… and I was given problems to solve in order to attain wisdom.

I asked for wealth… and i was given a brain and muscle power to work with.

I asked for courage… and I was given obstacles to overcome.

I asked for love… and I was sent people who were worried, unbalanced or laden with problems to support and care for.

I asked for decisions… and I was given opportunities…

I got nothing that I asked for but everything I needed!“

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

1 thought on “Kapitel 2: die innere Ruhe”

  1. Hallo David!
    Ich beneide Dich um deinen Mut. Du wagst dich hinaus in die unbekannten Gewässer der Welt, die ich nur durch mein MacBook kenne.
    Ich nutze die Gelegenheit um dir meinen größten Respekt auszudrücken, denn ich wäre viel zu eingeschüchtert, um meine Sicherheit aufzugeben.

    Und insgeheim hoffe ich, dass ich mir eine Scheibe Mut von dir abschneiden kann.

    Mach´weiter so. Auf dass du viele Abenteuer erlebst und sie irgendwann nieder schreiben kannst.

    Liebe Grüße
    Jule

    „Mögest Du immer Rückenwind haben und stets Sonnenschein im Gesicht. Und mögen Dich die Schicksalsstürme hinauftragen, auf dass Du mit den Sternen tanzt.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.